Konzertbericht : No More & Kurs Valüt (24.09.22, Berlin)


Basildon, 1979 : Die Schulfreunde Vince Clark, Martin Gore und Andy Fletscher gründen eine Band.

Notting Hill, 1979 : Jaz Coleman gründet nach einer Zeitungsannonce „Killing Joke“.

Crawley, 1979 : Mit „Three Imaginary Boys“ erscheint das erste Album von „The Cure“.

Man könnte die Liste noch beliebig fortsetzen. Fest steht : Das Jahr 1979 gilt als Meilenstein der Wave- und Postpunk-Bewegung, welche Anfang der 80er ihre Blütezeit erreichte. Auch Bands wie „And also the Trees“ und „No More“ wurden 1979 gegründet.



Zu diesem Zeitpunkt hat die West-Berliner Schokoladenfabrik in der Ackerstraße 169 schon seit acht Jahren ausgedient. Siebzig Jahre lang wurde zuvor hier Schokolade angerührt.

Die marode und stillgelegte Immobilie – erbaut 1881 - wurde nach der Wende zu einem Zentrum der Berliner Hausbesetzer-Szene und durchlebte stürmische und turbulente Jahre.


Das Schicksal und der Lauf der Geschichte ermöglichten am 23. und 24. September 2022 zwei Konzerte jener Helden von 1979 in eben jedem Gebäude – No More.

Künstlerische statt kulinarische Köstlichkeiten !


Die Geschichte des Jahres 2022 steht jedoch im Schatten des brutalen Angriffs auf die Ukraine. Und aus eben jener Ukraine stammen Yevhen Hordieyev und Yevhen Kasyan. 2017 gründeten die Ukrainer „Kurs Valüt“ (dt. : Wechselkurs). Sie sollten an jenem Abend mehr als nur eine Support-Band sein…

Kurs Valüt erinnert an den feinen Minimal-Elektro, den man sonst nur von Bands wie „The Normal“ oder „Alien Skull Paint“ kennt. Als das Duo samt einer Tänzerin die Bühne des kleinen und schmucken „Schokoladen e.V.“ betritt, ist der kleine Saal bereits bis zum Bersten gefüllt und platzt kurz darauf aus allen Nähten. Tanzen war ebenso unmöglich wie der Gang zur Toilette oder zur Bar. Die Gäste drängten sich im Club uns erst als sich selbst die Tür nicht mehr öffnen ließ und sich noch immer Leute in dem kleinen Vorraum an die Scheiben quetschten hieß es : Rien ne va plus ! Den Zwischenrufen zufolge zählten auch zahlreiche in Berlin lebende Ukrainer zum Publikum, nebst Fans aus Deutschland, was keineswegs überrascht. Denn „Kurs Valüt“ eroberten in den letzten Monaten vor allem mit Clubhits wie „Transgender“ oder „Ni“ die alternativen Tanzflächen der Republik. Ob das Duo hierbei die Aufmerksamkeit aufgrund ihrer Herkunft und des Krieges erhielt, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Es ist gut so, so oder so ! Unter tosendem Applaus und den Forderungen nach Zugaben verließen die Senkrechtstarter nach etwa 40 Minuten Spielfreude die Bühne.


15 Minuten später hatten Andy Schwarz und Tina Sanudakura (No More) die recht undankbare Aufgabe, ihr Konzert vor einem nur noch halb gefüllten Club zu starten.

Die Bühne wurde von Rot in Blau getaucht, Andy griff zur Gitarre und Tina klemmte sich hinter die Synthesizer. Doch langsam, nach und nach, füllte sich der Schokoladen wieder und nach etwas statischem Beginn liefen „No More“ mehr und mehr zu Hochform auf.

Im Gepäck hatten die Kieler natürlich ihr brandneues Album „Kissin' in the Blue Dark“ (VÖ : 14.10.22) und präsentierten dessen Songs mit einer gelungenen Mischung mit alten Klassikern. Spielfreude und Witz waren Andy A. Schwarz vor allem auch bei den Ansagen anzumerken, während sich Tina Sanudakura auf ihre Arbeit an den Maschinen konzentrierte.

Dass „Suicide Commando“ doch eher ein Ausnahmesong des eher gitarrenwave-lastigen Duos darstellt zeigt sich daran, dass es der einzige Song des Abends blieb, bei dem die Gitarren gänzlich verstummten. Freilich wurde natürlich dieser Song besonders gefeiert, doch auch zum Beispiel die neue Single „Paris Blue“ fand bestens Anklang beim Publikum.


Nach gut einer Stunde Spielzeit und einer Zugabe verabschiedete sich das sympathische Duo nach zwei Nächten in Berlin.

Fazit : Ein toller Clubabend mit zwei sehenswerten Bands in Berlin !



Konzertbericht : Jolly von Hayde


Fotos : Axel Kretschmann


Video : "Suicide Commando" live @ Berlin (24.09.22)

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