Konzertreview : KILLING JOKE (19.10.18, Berlin, Huxley's Neue Welt)


Killing Joke - die "Lieblingsband aller Lieblingsband", welcher keine Superlative gerecht wird, da sie für sich schon für eine Superlative steht, gastierten am 19.10.18 bei ihrer 40-Jährigen Jubiläums-Welttournee im Herzen von Berlin-Kreuzberg, genau genommen in "Huxley's Neue Welt".

Die Bands, welche sich auf Jaz Coleman und seine Musikanten berufen, zumindest aber deren Einflüsse in ihr eigenes Schaffen geltend machen, gleicht der "Hall of Fame" der letzten 40 Jahre Musikgeschichte - Nine Inch Nails, Nirvana, Metallica, Soundgarden, Faith No More und unzählige andere Grössen.



Dabei waren "Killing Joke" selbst zu keinem Zeitpunkt eine "Top of the Pops" Band. Mit "Love Like Blood" fanden die Briten in den gesamten 40 Jahren gerade einmal überhaupt nur den Weg mit einer Single in die deutschen Charts (zum Vergleich : In England erklommen 19 Singles die Charts !). Nach ettlichen Umbesetzungen der Band im Laufe der Jahre verkündeten die Jokes nach dem Tod von Bassist Paul Raven im Jahre 2008 die Wiedervereinigung in Originalbesetzung. In dieser Originalbesetzung erfreuten an jenem Oktobertag dann Jaz Coleman (Gesang), Kevin "Geordie" Walker (Gitarre), Paul Ferguson (Schlagzeug) und Martin "Youth" Glover (Bass) die Fans in der Bundeshauptstadt. Letzterer erschein in weißem Sacko, buntem Hemd und Schirmmütze inmitten der schwarz gekleideten anderen Musiker zwar etwas deplatziert und erinnerte eher an "Kralle" Krawinkel von Trio, was jedoch nicht wirklich jemanden an diesem Abend störte. Unterstützt wurde die Band von Reza Udhin an den Keyboards.



Kurz vor 20 Uhr kam dann zunächst aber die Zeit für "Turbowolf" aus Bristol, deren Sänger und Keyboarder Chris Georgiadis eine frappierende Ähnlichkeit mit "Franz Zappa" aufweist. Zum zehnjährigen Bestehen der Band lieferten "Turbowolf" einen soliden Auftritt hin, welchen man durchaus gesehen haben kann, aber auch nicht muss. Äusserst professionell reagierten die Engländer aber auf vereinzelte dumme und provokante Zurufe einiger Idioten aus dem Publikum. Die kann schon mal vorkommen, wenn man mit dem eigenen Leben unzufrieden ist und im Leben nichts erreicht hat. Dann geht man eben mal zu einem Konzert, bei welchem man die Support-Band provoziert und blöd anmacht...

Teufelsbeschwörungen aus den Tiefen der Hölle drangen dann um 21 Uhr durch das ausverkaufte "Huxleys" und bereiteten die Fans auf das vor, was in den nachfolgenden 110 Minuten zu erwarten war.


Die Bühne wurde in violettes Licht getaucht und unter dem Applaus des Berliner Publikums erschienen nach und nach die Mitglieder des Hauptacts - zuletzt Frontmann Jaz Coleman, welcher sich mit ausgebreiteten Armen feiern ließ.

Als die ersten Töne von "Love Like Blood" gleich als Opener des Abend erklangen, gab es im Saal kein Halten mehr. 1985 wurde der Erfolgssong und Evergreen gerade mal um die Ecke, in den Berliner "Hansa" Studios, aufgenommen und produziert. Es folgte ein breiter Querschnitt vom ersten Album ("Killing Joke") bis zum noch aktuellen Album Pylon durch alle Jahrzehnte. Jaz Coleman beschwörte auf der Bühne Geister, Dämonen, Tod und Teufel, grimassierte, riss weit die schwarz umränderten Augen auf, kreischte und brüllte die gesamte Wut auf die Welt aus sich heraus und zuckte ab und an wie von Stromschlägen oder vom Blitz getroffen auf der Bühne.


Die songs kündigte er mit zwar kurzen aber treffenden antifaschistischen, antiamerikanischen und antikapikapitalistischen Statements an, verwies auf die Wahlergebniss der aufkommenden Rechten in aller Welt und prophezeite die bevorstehende Apokalypse.

Die Fans begaben sich mit ihm auf die Zeitreise in die "Eighties" oder dem "Asteroid" und bestärkten ihn im Kampf gegen Faschismus zu "Follow the Leaders".

📷Diejenigen Fans, die vor allem auf die Postpunk-Songs in den Gründungsjahren gehofft hatten, wurden nicht enttäuscht : Gleich fünf songs vom Debutalbum "Killing Joke" wurden nebst vielen anderen alten Klassikern zum Besten gegeben (Requiem, War Dance, Bloodsport, Primitive, The Wait). Dazwischen gab es immer wieder Sprünge in die Jahre 2003 ("Loose Cannon") oder 2016 ("European Super Star").



Einziger Wermutstropfen : Die kreative Schaffensphase der keyboardorientierten "New Wave"-Zeit samt den Alben von 1986-1993 wurden leider erneut komplett ausgespart und es sei berechtigterweise die Frage erlaubt : Wenn Killing Joke songs wie "America" oder "Sanity" selbst beim 40-jährigen Jubiläum nicht mehr zum Besten geben - wann denn dann ?


Coleman und Glover ließen keine Gelegenheit aus, den Fans herzlich für ihre Unterstützung in diesen vierzig Jahren zu danken ("Ich weiss gar nicht wie ich Euch genug dafür danken kann" - Jaz Coleman) und während man bei so mancher Band im Laufe des Konzerts so langsam Ermüdungserscheinungen feststellen kann, liefen die Briten je mehr zu Hochform auf, desto länger das Konzert dauerte, entfachten finale Soundgewitter zu den songs und selbst Colemann erschien immer stimmgewaltiger und hielt die Töne länger und länger.

📷Mit "Pssyche" verabschiedeten sich nach gut 70 Minuten Killing Joke von der Bühne, um für einige Zugaben am Stück dann nochmal zu erscheinen.


Im Vergleich zur bisherigen Tour wurde das Setlist im Zugabeteil nochmals leicht abgeändert und so kam es, dass KJ die Fans mit "Turn to Red" aus dem Jahre 1979 nochmals faustdick überraschten und tief in der Mottenkiste kramten.

Fast schon traditionell bildete "Pandemonium" der Schlußpunkt eines phantastischen Abend in der Bundeshauptstadt, an welchem sich die Wege von Band und Fans sichtbar glücklich wieder trennten.


Killing Joke sind im Rahmen ihrer Welttournee noch einmal in Deutschland zu sehen und zu hören - am 28. Oktober in Köln. Wir bedanken uns an dieser Stelle herzlich bei Asja Schöner von FKP Scorpio für die tolle Zusammenarbeit.

Jolly von Hayde (Stuttgart Schwarz / Schwarzes Berlin)