Obsidian Echoes Festival Berlin u.a. mit Cold Cave, Ash Code, Rue Oberkampf, Then comes Silence
- djjolly

- 30. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Schon das Line Up bescherte Fans des guten Postpunks, Cold Waves oder EBMs wahlweise Pipi in den Augen, feuchte Hände oder einen mehrstündigen Orgasmus - sucht es Euch aus ! Am 27.11. gaben sich Cold Cave, Then Comes Silence, Ultra Sunn, Rue Oberkampf, Dame Area, Ash Code und Soft Analog in Berlin die Ehre beim "Obsidian Echoes Festival", bevor es einen Tag später mit demselben Line Up weiter nach Essen ging. Wir waren in Berlin im Astra Kulturhaus für Euch mit dabei und verraten Euch, wie der Abend dort lief.

Die undankbare Aufgabe des Openers lieferten "Soft Analog" aus Ankara mit ihrer recht eigenwilligen Mischung aus Synthwave, Funk, Disco und Elektrobeats samt türkischen Lyrics. Wer es um 17 Uhr 30 Freitag Nachmittag nach Arbeit tatsächlich schaffte, trotz den üblichen Ausfällen und Verspätungen der Berliner S-Bahn vor Ort zu sein, konnte das Duo tatsächlich auch live erleben. Überraschen dürfte es aber niemanden, dass "Soft Analog" um diese Uhrzeit in einem recht leergefegten Astra Kulturhaus starteten, was ihrer Spielfreude keinen Abbruch tat. Die allgemeine Resonanz des Publikums nach dem 30minütigen Gig reichte nicht über "ganz nett" oder "als Opener ganz okay" hinaus, fielen die radiotauglichen Popsongs doch etwas aus dem Rahmen des sonstigen Line Up's.

Wesentlich düsterer wurde es danach mit "Ash Code". Die Zwillinge Alessandro und Adriano Belluccio erwischten samt Keyboarderin Claudia Nottebella einen unglücklichen Abend. Nur wenige Tage vor dem Festival wurde das Line Up mit "Ultra Sunn" getauscht. Ob dahinter Taktik stand, um mit einer Zugnummer die Gäste zu früherer Uhrzeit ins Astra zu locken oder es organisatorische Gründe hatte, konnte die Band unserem Magazin vor Ort leider nicht sagen. Hinzu kamen noch technische Probleme, weshalb die Italiener mit 15minütiger Verspätung starteten und bei einem verkürzten Auftritt zwei Songs aus dem Set streichen mussten. In diesem Set gelang dem Trio ein "Best of" ihres Schaffens mit Songs wie "Tear you down" oder "Betrayed". Diese wurden live gut umgesetzt zu den dazugehörenden Videoclips, welche im Hintergrund auf der Leindwand flimmerten. Immerhin füllte sich die Location nun langsam, wenngleich es an der Garderobe nun lange Schlangen gab. Einige Leute verpassten somit einen überzeugenden Gig von "Ash Code".

Wie beschriebt man am Besten die Kunst von "Dame Area" als dritten Act in Berlin ? Vielleicht, indem man Haus Arafna, In the Nursery und Diamanda Galas übereinander mischt. Dazu fehlt sicher die Phantasie, daher muss man zwangsläufig das Duo aus Barcelona hören - oder besser noch sehen. Der sehr eigenwillige Stil, welchen Dame Area als "Elektropunk" bezeichnen, ist freilich sehr experimentell und gewöhnungsbedürftig, alles andere als geradelinig und eingängig, durchaus aber interessant. Unbestritten war jedoch die Live Performance von Silvia Konstan und Victor Crux ein Highlight des Abends. Die Sängerin kreischte und fauchte, wahlweise lieferten sich beide Protagonisten einen Battle an Trommeln oder den Maschinen auf der Bühne.

Inzwischen war das Astra Kulturhaus auch gut gefüllt, der Abend schritt voran und die Umbaupause für "Rue Oberkampf" begann. Das Bühnenbild wurde durch vier kahle, weiße Bäume dekoriert und zum einsetzenden Sound von Julia de Jouy, Oliver Maier und Damien De-Vir begann die symbolträchtige große 3D-Pyramide zu leuchten. Das Trio erfreute sich übrigens der kürzesten Anreise nach Berlin, bildete sie als vierter Act des Abend tatsächlich die einzige deutsche Formation bei diesem internationalen Stelldichein. Die Münchener überzeugten durch eine schnörkellose, solide Performance, deren Dreh- und Angelpunkt freilich Frontfrau Julia de Jouy bildete.

"Ultra Sunn" aus Belgien erfreuten sich dann auch einem recht vollen Saal mit über 1000 Besuchern, der an dieser Stelle "Ash Code" verwehrt blieb. 2019 wurden "Ultra Sunn" von dem Paar Sam Hugé und Gaelle Suflet in Brüssel gegründet und fanden nach der Pandemie recht rasch ihren Platz in der Postpunk-Szene. Ein äußerst energiegeladener Auftritt dem fünften Act des Abends folgte, der nimmermüde Forntmann Hugé heizte nicht nur dem Publikum ordentlich ein, sondern auch seinen zwei Mitstreitern auf der Bühne, die mit dem charismatischen Sänger zeitweise synchron mithüpften und die Band somit als eine dynamische Einheit mit Spielfreude exemplifizierten. Kein Wunder, dass die Stimmung im Saal überschwenglich wurde und ein sehr kurzweiliger Auftritt von Ultra Sunn begeisterte Gäste zurückließ.

Dann kam die Zeit für "Then comes Silence", die in diesem Jahr bereits zu Gast im Berliner "Privatclub" waren (zum Konzertbericht geht es hier). Die Schweden gewannen beim Festival an diesem Abend wohl den Kreativpreis und versteht es immer wieder auf's Neue, mit den Fans zu interagieren. Sänger Alex Svenson entschuldigte sich, dass dieses Mal auf der Bühne das Glücksrad nicht mit am Start war, welches als Gag den nächsten Song der Band

per Zufall bestimmt. Nun war also die Fanbase gefragt - und die fiel im Astra nicht gering aus, wenn man in die begeisterten ersten Reihen blickte. Denn diese durfte nun ab und an darüber abstimmen, welchen Song aus der Auswahl aus zwei Liedern gespielt werden soll. Hierzu reckte Svenson Schilder mit den jeweiligen Songnamen in die Höhe und anhand der Lautstärke des Applauses wurde entschieden. Ansonsten fehlten natürlich die Aushängeschilder wie "Like a Hammer" oder "Ride or die" nicht in der Setlist. H. Zombie zauberte an der Gitarre und spielte wahlweise mit einer Bierflasche am Gitarrenhals oder das Instrument über dem Kopf haltend, jedenfalls immer in Bewegung und leidenschaftlich. Then comes Silence brannten ein regelrechtes Feuerwerk ab, welches selbst der folgende Headliner nicht mehr toppen sollte.

Mit "Cold Cave" bescherte der Veranstalter einen Headliner, welcher selbst im konzertverwöhnten Berlin nicht alle Tage zu Gast ist - wurde die Truppe doch eigens für die beiden Festivalauftritte aus Los Angeles eingeflogen. Die dienstälteste Band an diesem Abend hatte nach dem furiosen Auftritt von "Then comes Silence" kein leichtes Spiel, zumal der Sound bekanntlich weitaus monotoner und düsterer daherkommt. "Cold Cave" ist Wesley Eisold und Wesley Eisold ist "Cold Cave", dessen Band immer aus wechselnden Musikern bestand. Die

Vita von "Cold Cave" klingt beeindruckend: Support bei der "Memento Mori" Tour von Depeche Mode, Remixe für Nine Inch Nails, auf Konzertreisen mit Gary Numan oder Douglas McCarthy. Und mit dem Opener "She reigns down" erschien Eisold auf der Bühne, wie es sich für eine Ikone gebührt: Lange Haare, dunkle Sonnenbrille, langer Ledermantel - ganz wie einst die Ausstrahlung eines Carl McCoy oder Andrew Eldritch (zu besseren Zeiten). Und das, ohne peinlich zu wirken ! Auch wenn die Stimme live nicht ganz so gruftig klingt wie auf Tonträger, liegt sofort ein Hauch von Mystik in der Luft, wenngleich sich die Halle nach "Then comes Silence" zur Geisterstunde doch wieder etwas geleert hatte. Eisold bildet freilich die zentrale Figur des Quartetts auf der Bühne, gestikuliert unaufgeregt, beschwört und intragiert spärlich mit den Fans. Nach einer Stunde Spielzeit bleibt das Glücksgefühl, "Cold Cave" tatsächlich einmal live erlebt zu haben !
Somit endete nach über sieben Stunden mit sieben Bands ein bemerkenswerter und bestens organisierter Konzertabend auf dem Berliner RAW-Gelände und es bleibt sehr zu hoffen, dass dieses tolle Festival den Auftakt einer jährlichen Berliner Festivalreihe bildet. Günstigerenfalls jedoch an einem Samstagabend, um das Astra Kulturhaus tatsächlich ganz füllen zu können.
Wir bedanken und herzlich bei Joe Schmidt von "Shogun Konzerte" für die gute Zusammenarbeit !
Bericht: Jolly von Hayde
Fotos: Enzo Hobbes








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