WGT 2019 – Ein individueller Erfahrungsbericht Teil 2

Teil 2 (Sonntag/Montag)

Nach dem anstrengenden Samstagsprogramm ist längeres Ausschlafen angesagt. Nach Frühstück und Makeup-Arbeiten entscheiden wir uns für Heidnisches Dorf. Auf dem Weg schauen wir noch kurz im Hotel Fürstenhof vorbei. Dort bewundern wir die prächtigen Festroben von Lucardis Feist Fashion Design. Das nobel stilvollen Ambiente des historischen Hotels ist sehr schön und bietet den passenden Rahmen für Brokat und Seide.


Heidnisches Dorf


Der Weg zum Heidnischen Dorf ist von der Haltestelle aus nicht zu verfehlen, strömen doch wahre Menschenmassen durch das ruhige Wohngebiet dorthin. Köstlich die geschäftstüchtigen Anwohner, die an der Wegstrecke Stände in ihren Hauseinfahrten errichtet haben und Erfrischungen aller Art anbieten. Hier erlebt man mal wieder wie engagiert Leipzig mit dem WGT interagiert. Schockiert sind wir dann allerdings von der buntgemischten langen Schlange am Eingang. Kurz stellen wir uns an, um dann zu überlegen, dass wir doch eigentlich mit Bändchen gar nicht an die Kasse müssen. Das sollte doch auch anders gehen. Schließlich laufen wir einfach mal an der Schlange vorbei und tatsächlich dürfen wir problemlos passieren. Das heidnische Dorf ist Mittelaltermarkt und Lager in einem. Mittendrin eine Bühne auf einem großem Platz. Viele Tische und Bänke stehen hier und alle sind besetzt. Die Musik scheint hier eher Nebensache zu sein. Eine irische Band spielt auf der Bühne, das bunte Markttreiben bringt viel Unruhe mit sich und das gemütliche Beisammensein ebenso. Zum Verweilen lädt uns das nicht wirklich ein – zu voll.


Wir schauen uns die Stände an und laufen mal durch. Seitlich gehts noch weiter und es sind noch viel mehr Stände vorhanden. Es gibt viel zu schauen. Man sieht viele Leute aller Art, darunter Wikinger, Mägde, Druiden und Elben neben Steampunks, Gothics und Normalos. Wer auf Männer mit langem Haar und Bart steht ist hier jedenfalls richtig. Das ist irgendwie nicht so unser Ding und so beschließen wir das Heidnische Dorf denen zu überlassen, die sich hier zu Hause fühlen.


Agra Shopping


Zur Agra ist es nur ein Katzensprung, also laufen wir hinüber. Erleichtert stellen wir fest, dass es hier nicht so wimmelt. Hier finden wir Zeit zu verweilen und etwas zu essen. Und wir haben auch Zeit die Shopping-Halle zu durchwandern. Hier finden sich Stände mit einem Angebot, das die Herzen höher schlagen und den Geldbeutel die Luft anhalten lässt. Fantastische handgefertigte Kreationen, aber auch China-Ramsch finden sich Seite an Seite. Gasmasken, Gummioutfits, Headpieces, Killernietenhalsbänder, Fledermaussocken, Vinylplatten, Handtaschen, Schmuck, Fetischspielzeug, Plateaustiefel, Peitschen…alles was das schwarze Herz sich so erträumt ist vorhanden und wohlfeil.


Christian Death


Leicht erschöpft vom Bummeln wenden wir uns der Musik zu. Mit Christian Death beginnt unser Abend auf der Agra. Christian Death steht für amerikanischen Gothic/Death Rock. Die Fans sind seit 20 Jahren gespalten, viele können sich nach dem Tod des Bandgründers nicht mehr mit der Band identifizieren. Wir sind gespannt. Eindrucksvoll und düster erscheinen die behüteten Erscheinungen von Valor Kand, Gitarre und Maitri, Bass. Dazu gibt’s noch Schlagzeug und Keyboard. Der Einstieg ins Konzert erfolgt mit einem schönen Cover von „Black Sabbath“ von der gleichnamigen Band. Die Zeiten in denen Christian Deaths Auftritte provozieren konnten sind vorbei. Was aber bleibt ist authentischer Goth-Rock mit Valor und Maitri an den mit roten Rosen umrankten Mikros. Der dunkle gravitätische Rock mit leicht psychodelischen Einflüssen bringt das Publikum nicht zum Mitsingen, aber Maitri gibt alles und die schwarzen Blumenkinder sind deutlich besser als gedacht. Und doch wirkt der Auftritt im Vergleich mit dem folgenden Act fast etwas oldfashioned.


Lord of the Lost


Wir machen uns bereit für Lord of the Lost. Die Halle füllt sich deutlich, die Jungs haben viele Fans. Die Hamburger Dark-Rock Band ist mit Gründungsdatum 2007 jung und obwohl nicht wirklich bahnbrechend innovativ, doch sehr gut hörbar. Und der Auftritt ist dynamisch, die Jungs ziehen den Gig durch, da kommt keine Langeweile auf. Chris Harms, im figurbetonten Glitzer-Outfit, und seine Jungs bieten etwas für Auge und Ohr. Der weibliche Anteil im Publikum steigt deutlich. Man versteht den Erfolg der Band jetzt besser, auch durchschnittliche Songs werden musikalisch perfekt dargeboten. Sänger Chris Harms hat neben seiner angenehmen Stimme auch viel Ausstrahlung, er sucht den Kontakt zum Publikum und die Band powert voll durch. Lord of the Lost erobern das Publikum im Sturm, spätestens als sie gegen Ende zur Zugabe mit „Fuck AfD“ Shirts auf die Bühne zurückkommen, jubelt die ganze Halle. Man muss die Songs nicht umwerfend finden, aber der Live-Auftritt ist es auf alle Fälle.

Montag/ Museen im Grassi


Der Montag steht im Zeichen der familiären Minderheiten-Wünsche. Er beginnt mit etwas Kultur. Wir besuchen die Grassi Museen. Die unterschiedlichen Sammlungen sind in den verschiedenen Stockwerken untergebracht. Wir sehen Bauhaus Design an Möbeln und Geschirr, besichtigen die Sonderausstellung der Kostümwerkstätten und die Völkerkundliche Abteilung, die sich sehr interessant an der Herkunft der Exponate abarbeitet. Sehr interessant fanden wir das Völkerkundlich selten zu findende Thema, die Deutschen. Titel der Sonderausstellung ist „The German Dream - Ütopien aus dem Reihenhaus“- das wollen wir sehen. Herzstück ein kleiner Raum, der mit Vorhang verschlossen ist und ein Warnschild trägt, das auf explizite Inhalte und eine Altersempfehlung hinweist. Die Kids sind sofort drin und wir folgen erwartungsvoll. Von der Decke hängen Leimfliegenfänger, an den Wänden unzählige Postkarten und Schilder mit Motiven der letzten 100 Jahre deutscher Kultur-Geschichte. Und mittendrin flimmert ein großer Flatscreen. Deutschland von Rammstein wird in Dauerschleife gezeigt. Klar, dass wir bleiben und uns alle Bilder an den Wänden zu diesem Soundtrack betrachten. Auch die Kids sind von diesem Museum völlig begeistert.

Leider tritt nach dem Museumsbesuch eine kleine Krise ein, wir haben das Gefühl viel zu viel zu verpassen. Was machen wir jetzt? Es ist der letzte Tag…und so vieles haben wir doch noch nicht gesehen. Hektik macht sich breit. Jeder hat noch was, dass dringend gemacht werden könnte. Die Leipziger Oper wäre noch eine Option, der fliegende Holländer von Wagner zwar nicht der Hit, aber probieren könnten wir es. Wir zählen die Schlange kurzentschlossen mal grob durch. Hier stehen wohl mehr als die 100 WGT-Besucher, die Einlass finden könnten. Eine Stunde Warten, um das definitiv herauszufinden, wollen wir nicht investieren. Der Vorschlag wird mehrheitlich abgelehnt.


Unsere 12-jährige möchte jetzt ins Katzencafé, aber dort sind zum Glück keine Plätze mehr frei, so ganz ohne Reservierung. Also auch abgehakt. Es wird immer wärmer und unsere Minderheiten sind unzufrieden. Wir gucken nach naheliegenden Locations und entscheiden uns für die Absintheria Sixtina. Davor finden wir eine locker verteilte schwarze Menschenmenge sitzend, stehen, wartend. Wir schauen uns das kurz an, aber haben bei den warmen Temperaturen keine Lust zu warten. Vor allem um uns dann in die begrenzten Räumlichkeiten reinzudrängen.



Wir gehen weiter zur Moritzbastei, auch da waren wir ja noch nicht. Die Sonne brennt heiß und wir essen ein Eis auf der Terrasse. Der kleine Mittelaltermarkt auf der Bastei ist in der vollen Sonne und es ist nicht viel los. Die Standbetreiber haben unser Mitleid, sie müssen kurz vor dem Hitzekollaps stehen. Kurz schauen wir noch hinunter in die kühlen Tiefen der Bastei. Fürs Programm sind wir leider noch zu früh dran. Auch hier wirkt alles eher klein und es sieht zu dieser Uhrzeit noch nach normaler Gastronomie aus. Warten bis zum ersten Konzert dauert noch zu lange.


Was tun? Wir entschließen uns am letzten Tag einfach noch ein paar Locations anzugucken.


Volkspalast


Unser nächstes Ziel heißt daher Volkspalast. Das ist auf dem alten Leipziger Messegelände, wir passieren das überdimensionale Leipziger Messe Logo und steuern auf den klassizistisch wirkenden Kuppelbau zu. Der Volkspalast ist ein interessantes Gebäude mit sehr edlem Ambiente. Nachdem gerade das nächste Konzert aufgebaut wird, greifen uns ein paar Stühle auf der Empore und lassen den runden Kuppelsaal auf uns wirken.

Job Karma

Ein Blick ins Programm zeigt uns, dass Job Karma als nächstes hier spielt. Sagt uns erst mal nichts, aber wir wollen auf alle Fälle ein Konzert in diesem Saal erleben. Job Karma erweist sich als glücklicher Zufallstreffer. Es handelt sich um ein polnisches Ambient/Industrial Projekt.



Unsere Kids tun uns zwar etwas leid, aber sie haben ja Sitzplätze mit bester Sicht. Uns zieht es näher an die Bühne. Maciek Frett und Aureliusz Pisarzewski produzieren ihre Klangteppiche inmitten Unmengen von Technik-Equipment, Videokünstler Arkadiusz Bagiński unterstützt bei den Visuals. Die Musik ist beeindruckend, atmosphärisch dicht und hypnotisch, sie zieht uns völlig in ihren Bann. Die Bilder, die dazu über die große Leinwand über den Köpfen flimmern, tun ihr übriges dazu. Monochrome groteske, skurrile und fast surreale Bildgeschichten untermalen den Sound perfekt. Job Karma bietet eine faszinierende künstlerische Bild-Klang-Performance. Es lohnt sich das mal auf YouTube zu gucken, die Videos haben sogar unsere Kids beeindruckt.


Im Publikum entdecken wir im Anschluss auch Joanna und Dimitris von Selofan, die sich erfreut zeigen erkannt zu werden und netterweise für ein Foto mit uns herhalten. Ihr Auftritt im Stadtbad am Samstag muss wohl gut gelaufen sein, auf alle Fälle war es dort schöner als letztens in Stuttgart im Kellerclub, wo wir sie als Support von ‚She past Away‘ unter beengten Verhältnissen erleben durften.

Nachdem wir schon mal da sind, schauen wir uns die Kantine im Volkspalast noch an und wollen gerne noch den dort folgenden Act „Am Not“ mitnehmen. Das Ein-Mann „Post-Industrial-Projekt“ aus London erweist sich aber als zäh und wirklich nur für sehr geübte Hörer. Industrial Geräusche knapp unter der Musikgrenze und Texte, die ins Mikro geschrien werden…nach dem zweiten Stück geben wir auf und ziehen weiter, man kann ja nicht alles mögen.

Also geht’s weiter, Täubchenthal hatten wir auch noch auf der Wunschliste.


Täubchenthal


Täubchenthal entpuppt sich als eine Industriebrache im Westen der Stadt. Man sieht Ziegelsteinbauten, ehemalige Fabriken, Lagerhallen und es gibt viel Platz. Hier wurde Altes kreativ neu belebt, statt weggerissen und überbaut, wie das in Stuttgart, Ludwigsburg und anderswo leider nur zu üblich ist. Wir sind beeindruckt. Als wir eintreffen läuft im erhitzten Innenraum unten bereits ein Konzert, oben ist die Bar und es gibt kühle Getränke. Über die offene Galerie sehen wir gut nach unten und es sieht eng und sehr heiß aus. Es spielen die „Fliehenden Stürme“. Das hört sich nach ordentlichem Postpunk an. Könnte uns gefallen, aber wir entscheiden uns trotzdem für die luftige und kühlere Außenterasse, mit schönem Blick auf den belebten Hofbereich und die umgebenden Gebäude.

Hier kommen wir mit einem Leipziger Familienvater ins Gespräch, der uns nachher noch seine beiden Nachwuchs- Grufti-Töchter vorstellt. Seine Frau schwitzt derweil im Konzert drinnen. Wir teilen gesamtdeutsche Erinnerungen an die Szene der 90er Jahre und unterhalten uns prima. Auf Konzert haben wir bei der Temperatur leider keine große Lust. Den Kids wird’s langsam langweilig und so schauen wir, was denn noch sinnvolles in erreichbarer Nähe liegt.


Maerzfeld/Felsenkeller


Nicht weit ist es zum Felsenkeller, da spielen dann „Maerzfeld“. Das passt und nachdem sich das Wetter in Richtung Gewitter entwickelt, machen wir schnell. Im großen Ballsaal des rund 100 Jahre alten Felsenkellers herrschen allerdings Saunatemperaturen. Wir bleiben nahe dem Eingang und bilden uns ein, ab und zu etwas Luftzug zu verspüren. Wie „Maerzfeld“ und das Publikum die Temperatur weiter drinnen ertragen können ist uns rätselhaft. Fenster oder Lüftung gibt’s wohl nicht. An Rausgehen ist auch nicht zu denken, es schüttet draußen. Aber „Maerzfeld“ sind ja keine Unbekannten, wir hatten sie in Filderstadt schon als „Stahlzeit“ mit ihrer Rammstein-Tribute-Show erlebt. Hier geben Sie ihre eigene Handschrift ab und zeigen, dass sie eine eigenständige Band in der Tradition der „Neuen Deutschen Härte“ sind. Die Franken liefern solide, handfeste Musik und deutliche deutsche Texte. Sänger Heli Reißenweber hält stimmlich alle Fäden in der Hand und die Band liefert trotz widrigster Bedingungen ab. Das Publikum geht auch ganz hinten noch mit. Maerzfeld hat eine mitreißende Live Performance und man singt auch unbekannte Songs gerne mal mit.


Nach nur kurzer Diskussion entscheiden wir uns gegen den Folge-Act Megaherz und weitere Sauna. Wir tauschen den drückenden Felsenkeller gegen erfrischenden Nieselregen ein. Damit endet das WGT-Programm 2019 dann für uns.


Unser Fazit:

Wir müssen unbedingt wiederkommen, es gibt noch so viel zu entdecken. Jetzt wo wir uns gerade bereit fühlen der Überforderung durch das WGT Programm zu trotzen, ist das WGT 2019 schon vorbei. Wir verlassen Leipzig am nächsten Morgen und haben den Kopf voll all den Eindrücken. Wir haben das dumpfe Gefühl ganz viel verpasst zu haben und den Vorsatz beim nächsten Mal alles besser zu machen. Der Post-WGT-Blues setzt hart ein, plötzlich ist alles wieder so bunt. Wann ist nochmal Pfingsten 2020?


Text: Susanne, Bilder: Andreas