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Bericht vom "Pop Helden Festival" von der IFA in Berlin

Manchmal kommen sie wieder...

Im Rahmen der Berliner IFA lud rbb 88.8 gleich eine ganze Reihe an 80er-Musikhelden zum Stelldichein beim "Pop Helden Festival" im schmucken Sommergarten des Messegeländes.

Mehr als 40 Jahre zuvor war ein gewisser "Steve Strange" Besitzer des Londoner Nachtclubs "Billys", dem Geburtsort des "New Romantic". Steve Strange formierte mit Midge Ure und seinem Haus-DJ Rusty Egan die Formation "Visage". Der Rest ist Musikgeschichte.

Rusty Egans Freundin Brigitte Arens sprach bei "Fade to Grey" die französischen Passagen des songs ein, Egan fungierte als Schlagzeuger.

Jener Rusty Egan sorgte beim Pop-Helden-Festival bereits ab 15 Uhr für ein perfektes Warm-Up und ließ die Vorfreude auf die angekündigten Künstler und Helden des Abends mit passenden sounds von Kraftwerk, OMD, Yazoo oder den Eurythmics steigern.


Pünktlich um 18:00 Uhr kündigten dann die rbb-Moderatoren Lydia Mikiforow und Tim Koschwitz mit "Howard Jones" gleich einen Godfather des Synthiepops an.

Der 64-jährige legte einen perfekten und überzeugenden Auftritt hin. Man neigt dazu zu sagen "als sei er nie weg gewesen" - war er aber auch nicht.

In all den Jahren zwischen den großen Erfolgen in den 80ern und 2019 war Howard Jones niemals untätig, veröffentlichte immer wieder neue Album, wendete sich aber 1989 mit dem Album "Cross that Line" vom Synthiepop eher ab und beschritt andere Pop-Wege, ehe er 2019 mit "Transform" wieder ein lupenreines Synthiepop-Album zauberte.

Jones folgte somit dem großen Wunsch vieler seiner alten Fans und zeigte, dass er nichts verlernt hatte !


Einige der neuen songs wie "Hero in your Eyes" oder "Take me higher" wurden zwischen Klassikern wie "Like to get to know you well", "Equality" und "Everlasting Love" mutig eingestreut ohne dass - wie bei vielen anderen Künstlern - die Qualität des Gigs darunter litt oder gar ein konzeptioneller Unterschied zu hören war.

Jones bediente ganz Profi nach Belieben mal das Umhängekeyboard, mal den Synthesizer oder das Klavier. Letzteres um seine Ballade "Hide and Seek" zum besten zu geben, vielleicht die schönste Synthieballade der 80er überhaupt. Er erinnerte dabei an seinen Auftritt beim "Live Aid" Konzert 1985 in der Londoner Wembley-Arena während seine Augen blitzten.

Ansonsten bestand die Band aus drei Mitschtreitern an Gitarre, Synthesizer und einem sehr dynamischen, jungen E-Drummer. Letzterer dürfte bei Jones' großen Erfolgen noch nicht einmal geboren gewesen sein.

Als schliesslich die ersten Töne von "What is Love ?" erklangen, gab es für das Publikum kein Halten mehr. Im bestuhlten Bereich des Innenraums erhoben sich erst einige, dann immer mehr Zuschauer von ihren Sitzplätzen und stürmten zur Bühne um lauthals mitzusingen. Howard Jones legte mit "New Song" gleich nach und badete nun im Publikumschor seiner Songs wie "Things can only get better", welches den krönenden Abschluß eines phantastischen einstündigen Konzertes bildete.


Mit der zweiten Band des Abends, welches ein komplettes Konzert aufbieten konnte begannen dann "Wet Wet Wet" aus Glasgow und ihrer Mischung aus Pop und Soul um 19 Uhr 30. Noch bevor der erste Ton erklang, hatte Gitarrist Graeme Duffin das Publikum ganz auf seiner Seite : "Ich habe einmal Deutsch gelernt. Vor fünfzig Jahren..." begrüsste er das Berliner Publikum schmunzelnd und legte nach :"Wir müssen uns als Briten entschuldigen. Brexit ist eine Schnapsidee, ja, Schnapsidee ! Aber wir sind ja schottisch..."


Was folgte war ein äußerst professioneller Auftritt pünktlich zum Einsetzen des Regens in der Berliner Dämmerung mit all den Erfolgshits aus den späten 80ern und 90ern, welche sich insgesamt über 15 Mio. mal bisher verkauften. Zugleich war es der erste Auftritt der zur siebenköpfigen Combo angewachsenen Band in Berlin seit zwanzig Jahren, was sich viele vor allem weibliche Fans nicht nehmen ließen und ihre Helden ausgiebig feierten, wenngleich Sänger Marti Pellow 2017 "Wet Wet Wet" verließ und durch Kevin Simm ersetzt wurde. "Sweet Surrender" performte Simm nahtlos an seinen früheren Erben anknüpfend ebenso gekonnt wie "Angel Eyes" und "With a little Help from my Friends".

Weltbekannt wurden die Schotten durch "Love is all around" aus dem Erfolgsfilm "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" mit Hugh Grant und Rowan Atkinson, welches auch den sehr gefeierten Abschluß in Berlin bildete. Unter dem Nachthimmel wurde die Bühne in blau und rot getaucht, im Schein der hellen Spots über dem Publikum konnte man den Regen prasseln sehen.


Um 21:10 Uhr war dann die Zeit für die angekündigten "Pop Pioniere" und nun ging es Schlag auf Schlag. "Spandau Ballet"-Saxophonist Steve Norman erklomm die Bühne und führte die restliche Begleitband und auftretenden Künstler durch den Abend.

Zum Auftakt kündigte er mit "Carol Decker" die einzigst weibliche Künstlerin des Abends und Sängerin von "T'Pau" an.

Diese zeigte bei "Heart and Soul", sowie "Valentine" dass auch sie nichts verlernt hatte. "China in your Hand", der Nummer-1-Hit aus dem Jahre 1987 wurde von den den Regen trotzenden 80er-Fans begeistert gefeiert, zumal Decker auch stimmlich und charismatisch voll zu überzeugen vermochte.


Zum zweiten Mal an jenem Abend ging es dann politisch mit dem Thema "Brexit" weiter : Nick van Eede (Frontmann und Sänger der "Cutting Crew") riss beim Betreten der Bühne seine Gitarre nach oben und präsentierte auf deren Rückseite ein aufgeklebtes Blatt Papier, welches er mit dem klaren statement "Fuck Brexit !" bekritzelt hatte. Nach "Any Colour" und "I've been in Love before" sorgte der sympathische Brite dann mit dem Erfolgshit "I just dies in your Arms tonight" für Begeisterungsstürme, auch durch seinen sehr dynamischen und von Spielfreude geprägten Auftritt - mit Sicherheit eines der Highlights des Abends !





Limahls Auftritt erschien danach eher unspektakulär, jedoch alles andere als langweilig, zumal der nur 167 cm kleine Sänger nicht nur eine der ultimativen 80er-Ikonen verkörpert, sondern mit dem "Kajagoogoo"- Klassiker und Nr.1-Hit "Too shy" gleich in die vollen, und das Publikum ohne Anlaufszeit sofort mit ging. Eine Coverversion von Joe Jackson's "Steppin' Out" wurden weiteren eigenen Erfolgssongs wie "Only for Love" oder "Too much Trouble" vorgezogen bevor sich Limahl nach"Neverending Story" – gesanglich nicht immer treffsicher - nur kurz verabschiedete und rasch von der Bühne verschwand.


Mit "Paul Young" folgte dann die einzige große Enttäuschung bei diesem Festival. Der im Gegensatz zu Limahl oder T'Pau sichtlich gealtert und ergraute Erfolgssänger gab seine songs nicht nur eine komplette Oktave tiefer als früher zum Besten, sondern die Stimme krächzte und brach dennoch, sobald sich der Engländer nur etwas in die Höhen wagte. Vom Glanz der früheren Tage war leider nicht mehr viel übrig, lediglich der Background-Chor und die Begleitband retteten hier noch ein Desaster.

Nach "Love of the Common People" und "Everytime you go away" erlebte Berlin vor allem bei "Come Back and Stay" (mit mehr gesprochenem als gesungenem Text) den enttäuschenden Höhepunkt des Abends.

Auffallend : Pünktlich zum Auftritt von Young wurden alle Kameras abgeschaltet, auf den großen Video-Leinwänden prangerte hingegen nur noch das line-up und running order des abends. Folglich gibt es von Youngs Auftritt auch keinerlei offizielle Mitschnitte zu sehen. Offensichtlich hatte Young als einziger Akteur jegliche Mitschnitte seines Auftrittes untersagt...

Mit "Soft Cell"- Ikone "Marc Almond" war dieser schwache Auftritt aber schnell vergessen. Dabei machte sich bis zuletzt Hoffen und Bangen bei den Fans breit, nachdem das einzige Deutschland-Konzert 2018 in Berlin ebenso kurzfristig und nahezu unbegründet ("unvorhersehbare Umstände") abgesagt wurde.


Zuvor setzte sich aber Steve Norman am Saxophon in Szene, stellte die Band vor (darunter seinen Sohn Jack) und holte schliesslich Ross William Wild auf die Bühne, welcher 2017 Sänger Tony Hadley von "Spandau Ballet" ersetzte.

Wild konnte als neuer Sänger der Band voll überzeugen, ein Unterschied zu seinem Vorgänger war weder bei "Chant No.1", noch bei "Gold", noch bei "Through the barricades", noch bei "True" zu hören.

Dafür wirkte der Auftritt des 30-jährigen unglaublich jung und frisch zwischen den vielen ergrauten Herren auf der Bühne an diesem Abend.

Die "Spandau Ballet" Fans waren in Scharen nach Berlin gereist und zelebrierten die songs ausgiebig. Und natürlich nahm Steve Norman auch Bezug zu dem Berliner Stadtteil, welcher die Band ihrem Namen zu verdanken hat - bevor er nicht nur den Auftritt von Marc Almond ankündigen durfte, sondern auch Tony James (Sigue Sigue Sputnik, Billy Idol, The Sisters of Mercy) an der Gitarre !


Wenn es eine Hymne der 80er gibt - dann "Tainted Love". Dabei hatte der song bis dato eine Odysee der Erfolglosigkeit hinter sich. Im Jahre 1965 von Ed Cobb komponiert floppte der song bei seiner Veröffentlichung von Gloria Jones ebenso wie die neuere Version 1973 von Richard Stearling.

Erst die dritte Version (1981) von "Soft Cell" schaffte im Gewand des aufkommenden Synthiepops dann den Durchbruch und zählt unbestritten zu den grössten und bekanntesten Popsongs aller Zeiten.


Präsentiert am 7. September von einem bestens aufgelegten Marc Almond, zu welchem er die dunkle Sonnenbrille abnahm, welche er zuvor bei "Tears run rings" und "Something's gottan hold of my Heart" zuvor auftrat. Letzteren widmete er seinem 2006 verstorbenen Gesangspartner des songs - Gene Pitney. Zusammen eroberten Almond & Pitney mit der Neuauflage des 1967 von Pitney komponierten songs einen weltweiten Nummer-1-Hit.

Kritiker mögen Marc Almond vorwerfen, dass er seine größten Erfolge nur Cover-Versionen anderer Künstler zu verdanken hat, doch dafür schien er immerhin ein goldenes Händchen zu haben. Umgekehrt wurde u.a. "Say Hello, Wave Goodbye" aus Almonds Feder auch von anderen Künstlern gerne nachfolgend gecovert.


Mit "Say Hello, Wave Goodbye" fand das Festival somit auch einen stimmigen und gänsehauterzeugenden Abschluß, zumal sich nochmals alle Pop-Pioneere des Abends zu Almond auf die Bühne gesellten um gemeinsam mit den Fans und "Waving Hands" die 80er zu zelebrieren.

Fazit : Ein äußerst gelungenes und gut besuchtes Festival auf der IFA Berlin mit Höhepunkten (Howard Jones, Cutting Crew, Marc Almond) und einem Tiefpunkt (Paul Young). Hoffen wir auf eine Fortsetzung und Neuauflage 2020 !


Bericht : Jolly von Hayde

Fotos : Axel Kretschmann


Wir bedanken uns bei Michael Gwiozdzik von "Foor Artists" für die gute Zusammenarbeit.