Konzertbericht : She past away (08.11.19, Berlin SO36)


Berlin-Kreuzberg, zwischen Kottbusser Tor und Görlitzer Park – zwei berüchtigte soziale Brennpunkte und die wohl gefährlichsten Orte in Deutschland. Hier liegt das sagenumworbene SO36, in dem sie alle schnon spielten, zwischen Straßenschlachten, Anarcho-Punks und autonomer Szene. Die Toten Hosen, Die Ärzte, Dead Kennedys und die Einstürzende Neubauten.

Gegründet am 11./12. August 1978, überlebte das SO36 mehrere Konkurse, Besitzerwechsel, Enteignungen, Raubüberfälle, ein Großfeuer, Razzein, Schließungen, Kündigungen und die wilden 80er.

Das Herz und das Flair von Kreuzberg gelten nicht erst seit gestern fest in osmanischer Hand und was konnte die Authentizität besser unterstreichen als ein Stelldichein der türkischen Postpunk-Band von Volkan Caner (Gesang, Gitarre) und Doruk Öztürkcan (Keyboards) alias „She past away“ einen Tag vor dem Berliner Mauerfall, welcher sich am 09.11.19 zum 30. Mal an jedem kalten und nassen Novemberabend jährte.

Innerhalb weniger Jahre katapultierten „She past away“ vom Insider-Tip der Postpunk-Szene über die „Special-Interesst-Floors“, schwappte über die bestens gefüllten Mainfloors zur Speerspitze der neuen Postpunk-Bewegung und etablierte sich auf den großen Bühnen der Szene-Festivals in dieser neuen Rennaisance und Bewegung als Aushängeschild der neuen Goth-Generation, die – ebenso wie die Bands – wieder zu den Wurzeln zurückfindet. Antike vs. Moderne und Innovation vs. Tradition war gestern !


Ein bisschen Joy Division, ein gutes Stück Sisters und auf jeden Fall auch Cure – und dennoch frischer und lebendiger, so dass sich an „She past away“ sowohl das längst in die Jahre gekommene, als auch das junge Publikum erfreuen.

Es verwundert ebensowenig, dass das Konzert im „SO 36“ bis zum Bersten gefüllt ausverkauft war, als dass Fans im Alter von 16 bis 60 einen breiten Szenen-Querschnitt boten.

Öztürkcan (der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Marc Almond ausweist) betrat als erster die Bühne an den Maschinen und es erfolgte ein langsames, dann immer wuchtigeres minutenlanges Brummen, welches den Fans schließlich durch Mark und Bein ging. Schemenhaft konnte man alsdann in der völlig zugenebelten Bühne dann Volkan Caner wahrnehmen und bei den ersten Klängen hatten die Osmanen das Publikum sofort in ihrem Bann.


Auch wenn die ersten songs dem jüngsten und wesentlich pop-lastigerem Werk „Disko Anskyete“ gehörte, feierte die schwarze Masse jeden song ausgiebig und zeigte sich tanzfreudig und begeistert.

Die Bühne war meist in blauem Licht getaucht und in Nebel eingehüllt und rundete die Atmosphäre zwischen Stadt, Bezirk, Club, Musik und Besuchern stimmig ab.

Öztürkcan zeigte sich „amazed“ von der beeindruckenden Masse an Leuten im Saal und fügte hinzu : „We love you !“


Die großen Clubhits Rituel, Kasvetil Kutlama und Ruh folgten Schlag auf Schlag und man wähnte sich nach etwa 50 Minuten etwa in der Hälfte des Konzertabends.

Kurz danach verabschiedeten sich die Musiker aber schon zur Überraschung vieler von den Fans und verschwanden hinter die Bühne. Auf die frenetisch geforderten Zugaben ließen „She past away“ jedoch nicht lange auf sich warten und geizten auch nicht damit : Gleich fünf weitere Songs im Block folgten und mit dem sehr düster-gertagenen „Hallayer?“ endete dieser phantastische, wenn auch leider insgesamt kurze Konzertabend.

She past away bleibt zu wünschen, dass der Weg weiter steil nach oben zeigt und die sympathischen Türken weiterhin diese Wertschätzung bekommen, die sie zurecht verdienen.


Bericht : Jolly von Hayde

Fotos : Axel Kretschmann


Wir bedanken uns bei Nls Rabe von Direct Concerts GmbH & Co. KG für die gute Zusammenarbeit !