Melancholische Leichtigkeit - Element of Crime in Berlin (23.05.19)


Erst war es eines. Dann noch eines. Am Ende standen drei Konzerte von "Element of Crime" in Berlin zum krönenden Abschluß auf dem Tourplan.

Die Ausnahmeband aller Ausnahmebands, die Zeitlosesten der Zeitlosen, die Avantgardisten aller Anachronisten, die Ungehorsamsten der Ungehorsamen, die Antihelden der Helden der deutschen Musiklandschaft.

Schließlich konnte gleich drei Mal der Stempel "ausverkauft !" über die drei Tourdaten im Tempodrom aufgedrückt werden, samt der Paradoxie, dass die Band samt ihrer Fans dennoch entschieden widersprechen, sie sei "mainstream".

Irgendwie sind sie gegen ihren Willen so etwas wie "mainstream" geworden, haben sie doch alles darangesetzt, dies ja nie zu werden.

Weder für DJ's, noch für die großen Radiosender haben sich "Element of Crime" jemals geeignet und zu keinem Zeitpunkt hat man aber auch nur ansatzweise den Versuch unternommen, dadurch Gehör bei einer breiteren Masse zu werden.

Zehn Studioalben, kein einziger "Hit" oder "Evergreen", keine "Volkshymne" kein "das sind doch die, die mal XXX gesungen haben".


Und dennoch erreichte das 2018 erschienene Album zur Tour, "Schafe, Monster und Mäuse", Platz 2 in den deutschen Verkaufscharts - mal wieder !

Die Gründungsmitglieder Sven Regener (58, Gesang, Gitarre, Trompete) und Jakob Ilja (60, Girarre) spielen seit nunmehr 33 Jahren mit Richard Pappik (Schlagzeug) in dieser Formation. 2002 ersetzte David Young (70) den bisherigen Bassisten Paul Lukas.

Für die aktuelle Tour verstärkten sich "Element of Crime" noch mit Rainer Theobald am Saxophon und Ekki Busch am Akkordeon. Dies wertete das Live-Erlebnis sehr wohl auf, vor allem das Akkordeon wurde bei songs wie "Immer unter Strom" oder "Weißes Papier" bei früheren Auftritten doch etwas vermisst.

Mit 16 der 18 Songs gehörte das Konzert am 23.05. im regulären Teil des Abends fast ausschließlich den letzten drei Alben, darunter gleich elf songs des neuen Albums. Irgendwo dazwischen traf aber "Robert Zimmermann" auf "Deborah Müller" und mit "Nur so" und "Wer ich wirklich bin" wurde das Zeitrad zwei Mal etwas weiter zurück gedreht. Letzterer song wurde seit 1997 nicht mehr live gespielt.


Sven Regeners Stimme wirkte nach der langen Tour kratziger und verbrauchter als gewohnt, was sich bei songs wie "Ein Brot und eine Tüte" jedoch nicht als Nachteil erwies, kam er dadurch noch weitaus "rotziger" und aggressiver in der Live-Version zum Tragen.

Ausserdem "macht es ja auch mal Spaß assozial zu sein" (Sven Regener).

Dieser stellte sich neben dem letzten song "Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin" (als Schlußpunkt) als Highlights der Abends heraus.

Überhaupt... Berlin - freilich sind die drei Abende in der Bundeshauptstadt nicht nur deshalb etwas ganz besonderes, weil der gebürtige Bremer und Wahlberliner Regener hier sein Domizil hat, sondern weil "Schafe, Monster und Mäuse" durchaus als inoffizielle Hommage an Berlin gewertet werden kann. Da geht Sven Regener "den Kurfürstendamm entlang", ist "im Prinzenbad allein", fühlt sich eingeklemmt "wie Silverster am Brandenburger Tor", feiert die "Party am Schlesischen Tor" und sammelt "Steine aus der Spree".

Es liegt auf der Hand, dass diese lyrische Affinität in Berlin eine völlig andere Wirkung entfaltet als in Erlangen oder Stuttgart.


Selbst die einzige etwas schwache Nummer vom neuen Album - "Karin, Karin" - katapultiert sich zum Highlight, weil Sven Regener Tochter Alexandra zum Duett mit auf die Bühne holt.

Regener reißt immer wieder die Arme samt Trompete in die Höhe, jubiliert sein obligatorisches "Vielen Dank" und besticht durch seine ebenso direkten wie witzigen Ansagen zu den songs.

Bei den Zugaben dann wird nochmal an die früheren Werke der Band erinnert, wenngleich die songs aus den ersten englischsprachigen Alben schon längst nicht mehr den Weg in die Setlist finden. "Schwere See", "Weisses Papier" und vor allem "Geh doch hin" als einziger song vom Album "Damals hinterm Mond" wurden von den Fans ebenso gefeiert wie "Delmenhorst".


Auf "Vier Stunden vor Elbe" wurde dieses Mal (sonst immer wieder ein ganz besonderer Höhepunkt und oft als Zugabe serviert) verzichtet.

Nach fast zwei Stunden und der letzten Zugabe "Lieblingsfarben und Tiere", bei welcher die Bandmitglieder in Lichter verschiedener Farben getaucht werden, endet der erste von drei Abenden in Berlin.

Ein durchweg sehr starkes Konzert, bedenkt man, welchen Tourstress die Band schon hinter sich hat. Und die jüngsten sind sie ja schließlich auch nicht mehr - nur zeitlos. Zeitlos gut !


Bericht : Jolly von Hayde

Fotos : Axel Kretschmann


Wir bedanken uns bei Charlotte Goltermann und Florian Striedl für die Zusammenarbeit.