Rammstein am 13.7.2019 in Frankfurt


Karten für Rammstein Konzerte zu bekommen ist ein Abenteuer für sich, Eventim sei Dank. Doch wenn diese immense Hürde genommen ist, dann tritt man in die Vorfreude-Phase ein, die erst endet, wenn der große Tag da ist. Und mit ihm kommen alle Erwartungen hoch, die man so über die Jahre aufgebaut hat. Jeder, der einen Rammstein Fan in der Familie hat, kennt die Aufnahmen von Rammstein in Amerika oder Paris und es ist klar, dass bei einem Konzert der Gruppe weit mehr als nur Musik erwartet werden darf. Und man fragt sich, ob Rammstein das wirklich noch immer schaffen, ob sie das Vergangene noch toppen können?




Das neue Album (das erste seit fast 10 Jahren) hatte Wellen geschlagen, das Marketing war exzellent, lauter Vollprofis am Werk, die musikalische Qualität gewohnt gut und tatsächlich - um es vorweg zu nehmen – erfüllt Rammstein auch hier in alle Erwartungen.



Die Commerzbank Arena war ausverkauft (wie ziemlich alle Rammsteinkonzerte auf der laufenden European Stadium Tour 2019), die improvisierte Extra-Ausfahrt auf der Autobahn führte direkt zum Parkplatz. Über 20 Minuten wanderten wir dann zum Stadion auf idyllischen Waldpfaden. Nach kurzer Kontrolle der personalisierten Karte mit Ausweisvergleich waren wir drin und auf der Suche nach dem Eingang zum Innenraum. Dieser war allerdings sehr gut versteckt, bzw. wechselte zwischenzeitlich, weil der Innenraum Abschnittsweise geöffnet wurde. Wäre nett gewesen diese Info früher gehabt zu haben, aber gut, wir waren früh genug dran und ein guter zentraler Stehplatz fand sich im 3. Abschnitt schnell. Stehplatz war eine kluge Entscheidung, denn sowohl die Sicht war gut, als auch der Klang perfekt (damit haperte es wohl auf den Rängen teilweise) und die Entfernung zur Bühne immer noch kürzer als vom nahesten Sitzplatz. Und wer möchte bei Rammstein schon sitzen?



Ein kurzer Regenschauer in der Wartezeit vor Beginn führte zur Abwechslung. Gegen weitere Langeweile half die La-Ola-Welle, die in bester Stimmung mehrfach spontan durchs gesamte Stadion schwappte. Dann gegen 19.30 Uhr Auftritt des Duo Jatekok. Die beiden französischen Pianistinnen hatten ihre beiden weißen Flügel auf einer Bühnen-Insel im Innenraum rechts seitlich weit vor der großen Bühne. Rammstein zu vier Händen, die Damen verglichen es mit Beethoven und anderen klassischen Größen. Hätte etwas lauter sein dürfen, aber es war spannend die Titel zu erraten, denn so einfach waren diese nicht zu erkennen, so ganz ohne Text und nicht nur Greatest Hits, den Beginn machte „Nebel“.



Die Gesangsansätze hätten die Mädels sein lassen können, fand ich unnötig, aber deutlich ist, Rammstein funktioniert auch am Piano. Es stecken sehr schöne Melodien drin, das Klavieralbum hab ich mir auf alle Fälle mal vorgemerkt.


Gegen 20.45 Uhr steigt dann Nebel aus der Bühnenkulisse. Oh ja, aber erst noch kurz zur Bühne…groß, teilüberdacht, sehr massiv und stabil gebaut im industriellen Fabrik-Look mit einem gewaltigen mittigem Turm, der schätzungsweise 30-40 m hoch ist und an den beiden Spitzen oben deutliche Schmauchspuren zeigt. Er wird rechts und links flankiert von Aufbauten und je zwei runden Elementen mit geschätzten 7m Durchmesser, die wie riesige Scheinwerfer in der düsteren Industriekulisse wirken. Übliche Videowände Fehlanzeige, aber das wussten wir ja schon.



Und nun quillt Nebel aus allen Ritzen und festliche barocke Feuerwerksmusik vom Georg Friedrich Händel schallt aus den zahllosen Boxen. Es geht los, das Stadion wird laut. Die Spannung steigt, erster Jubel brandet auf, noch mehr Nebel, Trommelwirbel und Bläserfinale, Ohrerschütternder Knall und Rauchwolken….Ohrstöpsel rein, es geht los…sie kommen!



Der erste ist Christoph Schneider (derzeit mit Freddy-Mercury-Gedenk-Schnauzer), dessen gleichmäßige Bassdrum man hört, bevor man ihn dann am gewaltigen Schlagzeug im Rauch/Nebel erkennt. Aus der Versenkung und dem Nebel erscheinen nach und nach die restlichen Bandmitglieder und stimmen ein, Richard Kruspe (mit weißem Gehrock), Flake Lorenz (ganz in feuerfester Goldfolie), Paul Landers (mit roter Kappe), Oliver Riedel (unkenntlich in rotem Ganzkörper-Kondom-Anzug) und zuletzt Till Lindemann.


Das Stadion tobt und Lindemann singt „Was ich liebe“. Die Musik ist laut, sehr laut (380.000 Watt wird gemunkelt) und das Publikum von Beginn an recht textsicher…Passend zur dunklen Stimmung des Songs quillt üppig schwarzer Rauch aus den Türmen, von denen auch drei einzelne im Innenraum postiert sind. Eine düstere Atmosphäre verbreitet sich zu grellweißen Lichteffekten. Zum Glück gibt’s da keine Feinstaubmessung. Ein wunderbarer Auftakt, der mit „Links, 2, 3, 4“ seine dynamische Fortsetzung erfährt. Jetzt wird das blutrote Rammstein-Logo den Turm hochgefahren und das Konzert nimmt Fahrt auf.


Schon der Anfang lässt erahnen was an Licht- und Showeffekten mit dieser Bühnenausstattung alles möglich ist. Und so ist es auch, Licht, Rauch, Nebel, Pyrotechnik, Feuer und Musik gehen eine perfekte Verbindung ein. Die Show ist perfekt ausgearbeitet, nichts dem Zufall überlassen, die Band gut geölt und professionell, Song auf Song folgt und jeder hat seine besonderen beeindruckenden Effekte. Man kann gar nicht alle erwähnen. Und doch bei aller Perfektion sind Rammstein echt und nichts anderes als sie selbst. Im vollbesetzten Stadion ein echtes Erlebnis für alle Sinne. Typisch für Rammstein der bunte Mix des Publikums, vom Punk, über Metalheads und Uraltrocker, bis hin zur netten Hausfrau von Nebenan ist alles vertreten. Etwas unangenehm waren die Jungs, die versuchten einen Moshpit mittendrin zu installieren. Passt irgendwie nicht und die Umstehenden fanden es auch nicht wirklich witzig rumgeschubst zu werden.


Viel Bier vor dem Konzert lässt die Zeit wohl schneller vergehen, aber ob es das Konzerterlebnis in diesem Fall verbessert hat? Die Ordner waren auf alle Fälle auf Zack und der Störenfried ruck zuck raus. Ebenfalls sehr unbeliebt, die Leute, die nach Konzertbeginn mit 3-4 Bechern in der Hand herumirren, auf der vergeblichen Suche nach ihren Freunden und sich wundern, wenn niemand sie kennt oder gar durchlässt, während sie eine üppige Biertropfspur hinterlassen. Ablenkung ist einfach unerwünscht, denn die Show vorne fasziniert und fordert Aufmerksamkeit und mitsingen ist ja auch angesagt, also weiter… Ansagen, Worte sind unnötig, jeder weiß hier was gespielt wird.


„Tattoo“, „Sehnsucht“, „Zeig Dich“, „Mein Herz brennt“… neue Lieder und alte wechseln sich ab und geben eine satte bewährte, aber dabei frische Mischung. Ein erster Höhepunkt ist „Puppe“, mit einem überdimensionalen Puppenwagen auf der Bühne, viel Feuer, alptraumhafter Videoprojektion auf dem Turm und final schwarzem Papierschnipselregen. Sehr schön auch die Ideen, mit Erwartungen zu brechen und Hörgewohnheiten zu verändern. So steigt Richard Kruspe als DJ auf und zelebriert seinen Remix von „Deutschland“ als Elektro-Disko-Nummer à la Kraftwerk von der Kanzel herunter, gefolgt dann von der Originalversion. „Mein Teil“ beinhaltet die gewohnte Show, allerdings mit noch mehr Feuer, Flake versinkt fast im Flammenmeer. Raketen queren das Stadion bei „Du hast“. Bei „Sonne“ strahlt die Bühne goldgelb und alle zählen mit viel Feuer laut bis 10. Stimmungs- und gefühlvoll endet der erste Teil dann mit „Ohne Dich“, bei dem die am Eingang verteilten Feuerzeuge herrlich im ganzen Stadion zum Einsatz kommen.


Leichte Ratlosigkeit folgt, was jetzt? Zugabe fordern oder warten? Das Publikum ist sich nicht einig, aber die perfekte Show fordert keine wirkliche Aktion von dieser Seite. Es geht auf der Piano-Bühne weiter, dort steht die Band plötzlich. Die Klaviermädels spielen „Engel“, die Handylichter flammen rundum auf und das ganze vollbesetzte Stadion singt mit Rammstein zum Klavier … „Engel“ mal ganz anders, keine Flügel, kein Feuer … dafür Gänsehauteffekt pur. Am Ende des Liedes werden Schlauchboote „zu Wasser“ gelassen und die Herren Rammstein steigen ein. Die Fahrt zur großen Bühne über die Wellen der Fans beginnt. Flake weist den Händen den Weg. Auf der Bühne wartet Lindemann mit einem großen Willkommenschild auf die Bootsflüchtlinge und hilft beim Aussteigen…eindeutig schlägt das Herz links, eindeutig das politische Statement. Denn es folgt „Ausländer“, gefolgt von den Klassikern „Du riechst so gut“ und „Pussy“. „Pussy“ braucht natürlich die Riesenschaumkanone, an deren Bedienung Till Lindemann offensichtlich ordentlich Spaß hat und weiter hinten fällt statt Schaum zum Glück nur weiße Papierschnipsel.


Nach „Rammstein“ und „Ich will“ endet das eindrucksvolle Konzerterlebnis mit einem eindrucksvollen Abgang. Die Band winkt ein letztes Mal vom Balkon, das erinnert stark an die britischen Royals, und fährt anschliessend endgültig in den Musik-Olymp auf. Zum Abspann erklingt noch die Pianoversion von „Sonne“ und geleitet die Fans hinaus. Völlig geflasht vom Erlebnis, erfüllt von der Musik entferne ich die Stöpsel von den leicht tauben Ohren. Einmal im Leben braucht man dieses Erlebnis auf alle Fälle…Perfekt in fast jeder Hinsicht. Die Maschine Rammstein rollt mit weiter, mehr geht nicht!


Und wie sagte unser 16-jähriger nach dem Konzert ganz trocken: „… so, jetzt noch Wacken, dann kann ich zufrieden sterben.“


Text: Susanne / Bilder: Andreas