She Past Away und Selofan am 29.03.19 im Keller Klub Stuttgart

Zeitlich etwas knappe Ankunft am Rotebühlplatz, der Eingang zum Kellerklub nicht zu verfehlen, da zahlreiche schwarze Gestalten herumhängen. Ach ja, und da setzt die Erinnerung ein, es handelt sich ja um den ehemaligen Rockpalast der 80er Jahre. Etwas verändert, aber nicht wesentlich, enger Treppenabgang, Garderobe, Bar, Tanzfläche, immer noch klein, eng, stickig und jetzt voller Menschen, denn das Konzert ist schon seit Tagen ausverkauft.


Doch zuerst zu Selofan, dem Minimal-Synth-Post-Punk Duo aus Athen, Griechenland. Nachdem es endlich gelungen ist einen Platz zu finden, an dem Sicht und Klang einigermaßen passen, beeindruckt natürlich auf den erste Blick Joannas blonder Schopf in bester End-80er Gothic Manier. Aber auch musikalisch haben sie und ihr Kollege Dimitris einiges zu bieten. Mit dunkelrauchiger Stimme Gesang in englisch, deutsch und griechischer Sprache zu schwebend monotonen, aber sehr tanzbaren synthetischen Klängen.


Im Hintergrund Projektionen an der Wand, davor die Minibühne, die mit Keyboard und Technik belegt scheint und beschränkten Platz für Action bietet. Aber den nutzt Joanna, sie bemüht sich sichtbar zu sein und spielt trotz der fast frostig coolen Klänge auch mit dem Publikum, provokativ überlegt sie laut, ob wohl schon alle genug hätten und sie jetzt einfach aufhören und heim gehen solle. Lautstarker Protest ist die Folge, Joanna zufrieden und natürlich geht das Konzert weiter und sie hat das Publikum bis zum Ende klar in der Tasche. Ein sehr lebendiger und interessanter Act.


Nach kurzer Umbauphase dann She Past Away. Auf der kleinen Bühne hinter dem Keyboard postiert sich Doruk Ozturkcan, der etwas kleinere Volkan Caner mit seiner Gitarre belegt die rechte Seite (von uns aus gesehen). Die Luftqualität und Temperatur im Club ist da schon schlecht, doch wie vieles war auch das noch steigerbar. Aber egal, die beiden türkischen Dark-Wave Musiker fangen an zu spielen und die hypnotischen Klänge mit der prägnanten Gitarre und der sehr dunklen Stimme Volkans ziehen alle in den Bann. Türkische Minimallyrik, die für das nicht-türkischsprachige Publikum einfach fremdartig schöne Lautmalerei und damit integraler Beststandteil der Musik mit 80er und post-punk-Einflüssen ist.


Die dunkle musikalische Stimmung erinnert durchaus etwas an The Cure (zu Pornography-Zeiten), Joy Division und Sisters of Mercy und doch ist etwas neues Eigenes entstanden, nicht zuletzt dank Volkans prägendem Gesangsstil. Was macht es da aus, daß es schwerfällt die Titel auszusprechen oder gar den Liedern zuzuordnen? Ja, da rächt es sich, wenn man kein türkisch versteht. Zu sehen gibt es nicht viel, es ist wenig Action auf der Bühne, sparsame monochrome Hintergrund- Projektion, keine besonderen Lichteffekte, einfach Musik pur. Passend zur Musik leider auch wenig Interaktion mit dem Publikum, fast schon etwas unbeteiligt oder lustlos. Die Stimmung im vorderen bühnennahen Teil des Clubs ist trotzdem sehr gut und aktiv, die weiter hinten… ehrlich gesagt, keine Ahnung.


Das Konzert ist ausverkauft und deshalb gestopft voll, schade eigentlich, denn dieser Club ist zwar perfekt für wirklich kleine Konzerte, aber dieses hätte deutlich mehr Raum vertragen, zu viele Stellen im Club an denen Sicht/Klang nicht optimal ist, von der warmen, schlechten Luft ganz zu schweigen. Aber die Musik übt schon ab den ersten Augenblicken einen Zauber aus, denn es ist die Art von Musik, die im Inneren etwas bewegt, vielschichtig und atmosphärisch dicht. Schöne Melodien, treibender tanzbarer Rhythmus, am schönsten sowieso mit geschlossenen Augen, ganz für sich. Von Titeln, wie Belirdi Gece, Kasvetli Kutlama, Rituel, Insanlar u.a. lässt man sich gerne verzaubern und es wird (soweit es der begrenzte Platz erlaubt) getanzt bis zum Abwinken.


Nach viel zu kurzer Zeit dann die etwas einsilbige launige Ansage „good afternoon, good night“. Kurzes Erschrecken, sollte es das gewesen sein? Nein, noch nicht ganz, der Zugabenblock war angesagt und startet kurz vor Zehn mit „Bozbulanik“. …aber dann eine viertel Stunde später doch Ende und trotz ernster Bemühungen der echten alteingesessenen Konzertschwaben (da fehlt dann die Unterstützung der bis dahin soo aktiven jüngerenTanzmädels, die sich sofort verkrümelt hatten) hat die Band leider keine Lust mehr und so endet das Konzert schon um 22.10 Uhr. Schade, aber es war trotzdem ein lohnender Abend. Und beim nächsten Mal bitte in besserer Location und - kleine Anregungvielleicht mal Live zu dritt mit Schlagzeug Unterstützung? Und mit Selofan als Support - natürlich immer gerne wieder…


Text: Susanne Foto: Andreas und Lars